Konzeption

Konzeption des Interkulturellen Familienzentrums Waldemarstraße

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Das Interkulturelle Familienzentrum ist Anlaufstelle und Treffpunkt für Familien, Eltern, Kinder, Großeltern und MultiplikatorInnen der Familienarbeit aus dem Kiez.

Eltern-/ Familienbildung ist neben spezifischen Eltern-Kind-Gruppen und dem Aufbau von Selbsthilfestrukturen ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Dabei wollen wir alle kulturellen Gruppen im Kiez ansprechen und den interkulturellen Dialog fördern und pflegen.

Das Familienzentrum hat die Zielsetzung, „Begegnung, Bildung, Beratung” für die AnwohnerInnen des Mariannenplatzes zu ermöglichen.

1. Ausgangslage

Der „Sozialraumverbund Kreuzberg Nord” (AWO Begegnungszentrum Adalbertstraße, Arbeiten und Lernen des PFH am Mariannenplatz und Jugendwohnen im Kiez – Jugendhilfe gGmbH Mariannenplatz) hat in der Arbeit mit den Kindern, Jugendlichen und ihren Familien rund um den Mariannenplatz festgestellt, dass es insbesondere für Migranten ein Bündel von Bedarfen gibt, die durch die bestehenden Angebote nicht oder nur unzureichend gedeckt werden.

Es zeigt sich, dass in vielen Familien – gerade auch mit türkischem und arabischem Hintergrund – kaum entwicklungsbewusste Erziehung stattfindet. So wird Sprachförderung in der Muttersprache wenig praktiziert und oftmals ersetzen Medien wie das Fernsehen das Spiel und die Beschäftigung mit den Kindern. Es werden entweder kaum oder rigide Grenzen gesetzt, in den meisten Fällen ist das Erziehungsverhalten inkonsistent.

Bei Schuleintritt wird deutlich, dass viele Migranteneltern nur unzureichend über das deutsche Schul- und Ausbildungssystem informiert sind und wenig Wissen darüber haben, wie sie den Schulerfolg ihrer Kinder fördern können.

Auch den Schulen gelingt es nicht, diese Lücken zu schließen und die Informationen in geeigneter Form zu vermitteln.

Dementsprechend gering sind die Chancen auf Schulerfolg für viele Kinder aus dem Quartier, und den meisten Familien fehlen die Ressourcen, die Entwicklung ihrer Kinder produktiv zu unterstützen.

Diese Beobachtungen decken sich mit den Daten des Berliner Armutsberichts und des Sozialraumatlas.

2. Problemlagen

2.1 Bevölkerungsstruktur

Im Gebiet rund um den Mariannenplatz leben insgesamt 4.086 Einwohner. Das sind rund 20% der Bevölkerung des Sozialraum III. Das Gebiet weist einen überdurchschnittlich hohen Migrationsanteil (48,5%) auf im Vergleich zu Berlin (13%), zu Kreuzberg insgesamt (33%). Der statistische Ausländeranteil erfasst lediglich die Personen ohne deutschen Pass. Daraus ergibt sich, dass der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund noch deutlich höher liegt.

Hinsichtlich der altersmäßigen Zusammensetzung ist das Gebiet als sehr jung zu bezeichnen. Mit 44% leben überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche in diesem Gebiet.

2.2 Armut

Der Stadtteil Kreuzberg rangiert in den Strukturdaten, die die ökonomische Situation, die Inanspruchnahme öffentlicher Hilfen oder die aktuellen Arbeitslosenzahlen aufzeigen, auf den letzten Plätzen.

So hat der erste Armutsbericht, den die Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz 2002 veröffentlichte, ergeben, dass der Stadtteil Kreuzberg mit 26,4 % den höchsten Armutsanteil in Berlin verzeichnet.

Im Gebiet beziehen annähernd 30% aller Haushalte mit Kindern und Jugendlichen Sozialhilfe. (Bericht zur sozialen und gesundheitlichen Situation der Kinder und Jugendliche in Friedrichshain-Kreuzberg, Sept.2003).

2.3 Arbeitslosigkeit

Im Gesamtberliner Vergleich leben in Kreuzberg mit 27% die meisten Arbeitslosen (Quelle Landesarbeitsamtes, Juli 2002). In der Verkehrszelle Mariannenplatz betrug die Quote dramatische 47%, wovon 41% Langzeitarbeitslose sind.

2.4 Schule/ Bildung

Fehlende Schulabschlüsse sind laut Berliner Armutsbericht ein wesentliches Merkmal bestehender Armut. Verfügt die Bezugsperson eines Haushaltes (Haushaltsvorstand) über keinen allgemeinen Schulabschluss, dann sind 44,3 % der in diesen Haushalten lebenden Personen von Armut betroffen.

Die SchulabgängerInnen – Statistik des Jugendamtes Friedrichshain-Kreuzberg weist für das Schuljahr 2000/2001 folgende Zahlen auf:

  • Von 1362 SchulabgängerInnen waren im Stadtteil Kreuzberg 20,12% ohne Abschluss
  • 16,24 % der SchulabgängerInnen ohne Abschluss waren Deutsche (dazu zählen auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, die einen deutschen Pass besitzen)
  • 25,97 % aller nichtdeutschen SchulabgängerInnen haben die Schule ohne Abschluss verlassen.
  • Friedrichshain-Kreuzberger SchülerInnen versäumen in Berlin am häufigsten die Schule. So liegt der Anteil der Schulversäumnisse im Bereich von 11-20 Fehltagen bei 13,8 %, bei 21-40 Fehltagen bei 4,3 % und bei über 40 Fehltagen noch bei 1,8 %. (Landesschulamt, November 2002)
  • Ebenfalls in Kreuzberg hat jeder dritte Einwohner keinen beruflichen Abschluss (36,6 Prozent), während das im Bezirk Köpenick, der in diesem Aspekt am besten abgeschnitten hat, immerhin noch auf jeden achten Einwohner zutrifft (13,1 Prozent). Insgesamt sind 21 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen in Berlin ohne einen beruflichen Abschluss. Bei der ausländischen Bevölkerung Berlins liegt diese Quote sogar bei 44 Prozent.

2.5 Gesundheit

Auch die Lebenserwartung der Berliner steht im Zusammenhang mit ihrer sozialen Lage. So liegt die Lebenserwartung mit 71,7 Jahren bei Männern und 77,8 Jahren bei Frauen in Kreuzberg am niedrigsten. Dem gegenüber beträgt die höchste Lebenserwartung bei Männern 77,0 Jahre (Wilmersdorf) und bei Frauen 82,9 Jahre (Treptow). Die Differenz beträgt also 5,3 Jahre bei den Männern und 5,1 Jahre bei den Frauen.

Der unmittelbare Zusammenhang und die direkte Wechselwirkung der verschiedenen sozialen Faktoren zeigt sich am deutlichsten bei der gesundheitlichen Lage der Kinder. So gibt der Bericht die Ergebnisse einer Einschulungsuntersuchung vom Jahr 2002 wieder, die deutlich den Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und Zahnstatus, Übergewicht sowie Konsum elektronischer Medien durch die Kinder aufzeigt.

2.6 Gewaltbereitschaft

Allgemein lässt sich beobachten, dass die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen zunimmt. Im Stadtteil Kreuzberg existieren vor allem gewaltbereite Kinder- und Jugendgruppen, deren Mitglieder aus nicht-deutschen Familien stammen.

Die vorliegenden Berichte verweisen auf eine drastische Zuspitzung der sozialen Belastung für die betreffenden Wohnblöcke. Ein bedeutendes Problemfeld stellt dabei die Segregation dar.

Gerade bei Verschärfung sozialer Probleme, wie sie hier massiv vorliegen, kommt es zu Desintegration, Isolierung, Begrenzung von Kommunikation und sozialer Erfahrung, die z.B. in Form von mangelhaften Deutschkenntnissen, unzureichender Schul- und Berufsausbildung deutlich wird.

Mit der Einrichtung eines „Interkulturellen Familienzentrums” soll diesen Fehlentwicklungen entgegengewirkt werden und die Förderpotenziale geweckt und gestärkt werden.

Es soll die Kompetenzen der lokalen Träger und die vorhandenen Ressourcen an einem Ort bündeln, für die Kinder, Jugendlichen und ihre Familien wohnungsnah verfügbar machen und Eigenaktivität anregen.

3. Zielgruppen

Die Angebote des Familienzentrums richten sich daher an alle Familien im Kiez, um deren Lebensbedingungen zu verbessern. Bedingt durch die Bevölkerungsstruktur sind insbesondere Familien mit Migrationshintergrund (überwiegend aus türkischen und arabischen Ländern) und ökonomisch schwachen Verhältnissen angesprochen.

Im Rahmen der Angebote werden die kulturellen und sozialen Vor-Ort-Gegebenheiten berücksichtigt: Beratungen werden in verschiedenen Sprachen durchgeführt, es gibt spezielle Kurse nur für Frauen oder Mädchen, die Kurse sind kostenfrei. Zudem sind die MitarbeiterInnen zu einem großen Teil MigrantInnen.

Angesprochen sind:

  • Mütter und Väter
  • Kinder
  • Großeltern
  • Frauen und Männer, Paare
  • MultiplikatorInnen in der Familien- oder Erziehungsarbeit

4. Ziele

Ein maßgebliches Ziel ist es, ein bildungsfreundliches Klima zu schaffen, das es den BesucherInnen ermöglicht, Bildungsbedarfe zu erkennen und Bildungsangebote zu nutzen. Das Augenmerk liegt dabei auf der Frühförderung der Kinder und der Prävention im Sinne des Kinderschutzes.

Das Interkulturelle Familienzentrum stellt einen Rahmen und ein Dach her, unter dem eine Vielzahl von Trägern und Initiativen ihre Aktivitäten für und mit Kindern, Jugendlichen und Familien realisieren können.

Wichtiger Bestandteil sind Selbsthilfe-Vorhaben und ehrenamtliches Engagement.

Die Angebote des Familienzentrums bieten gezielt Unterstützung bei Familienfragen und in den verschiedensten Lebensphasen von Familien. Themenschwerpunkte sind hierbei Erziehung und Gesundheit.

Im Sinne einer sinnvollen Freizeitgestaltung führt das Familienzentrum in Abstimmung mit anderen Trägern und entsprechend den Wünschen der AnwohnerInnen Kreativ- und Sportprojekte durch.

4.1 Das Familienzentrum will

  • bedarfsorientierte Angebote für Familien und Familienmitglieder bereitstellen
  • Familien aktivieren, die Anlaufstelle zu nutzen und ihre Ressourcen einzubringen, gemeinsam Spaß zu haben
  • Familien fördern
  • Selbstvertrauen und Selbständigkeit durch Infos, Beratung, Eigeninitiative fördern
  • Aktive Freizeitgestaltung ermöglichen
  • Familien entlasten, z. B. durch Kinderbetreuung
  • Alternativen zum Alltag aufzeigen
  • Gegenseitige Unterstützung und Interkulturelle Kommunikation fördern
  • ein Ort der Begegnung sein
  • Nachbarschaftliche Hilfe vermitteln
  • Familien bilden
  • Ressourcen von Bewohnern erkennen und unterstützen
  • Eltern bei der Entwicklungsförderung ihrer Kinder unterstützen
  • Schulerfolg von Kindern fördern
  • Selbsthilfestrukturen und Eigeninitiativen ermöglichen und stärken
  • Sprachentwicklung der ganzen Familie fördern
  • Wissen vermitteln
  • zu familienrelevanten Themen beraten
  • Vernetzung im Kiez unterstützen
  • Raum bieten für Angebote anderer Träger oder Initiativen
  • Austausch von Fachkräften im Bereich Familienarbeit ermöglichen
  • Familien in Angebote anderer Träger vermitteln
  • gemeinsame Angebote mit verschieden Trägern vor Ort entwickeln
  • Dach für Träger + Initiativen für ihre familienbezogenen Aktivitäten sein und damit die Lebensqualität der Familien im Kiez nachhaltig verbessern

4.2 Methoden/Arbeitsweisen

  • Beratung
  • Trainings
  • Elternschulungen
  • Eltern-Kind-Gruppen
  • Gesprächsgruppen
  • Selbsthilfegruppen
  • Kurse
  • Unterstützung und Vernetzung bestehender Gruppen
  • Informationsveranstaltungen
  • Vorträge
  • Freizeitangebote
  • Kleiderkammer / Flohmärkte
  • Feste

In regelmäßiger Evaluation, v.a. in Form von Befragungen von anderen Projekten im Kiez, Trägern, sozialpädagogischen Fachkräften, dem Jugendamt, dem Gesundheitsamt, dem Quartiersmanagement und insbesondere der NutzerInnen und AnwohnerInnen werden die vor-handenen Angebote ausgewertet, gegebenenfalls verändert und neue adäquate Angebote geplant.

4.3 Inhalte/ Angebote

Siehe beigefügtes aktuelles Programm

4.4 Akzeptanz und Stellung im Gebiet

Alle Kurse und Gruppen sind gut besucht und bei den AnwohnerInnen bekannt. Durch Mundpropaganda als Zeichen der Zufriedenheit steigt stetig die Nachfrage.

4.5 Nachhaltigkeit

Unter Nachhaltigkeit verstehen wir in erster Linie die Wirksamkeit der Angebote auf die konkrete Lebenssituation der Familien und den anhaltenden Nutzen für die Familien. D.h. es werden neue nachbarschaftliche Beziehungen geknüpft, Selbsthilfe initiiert, Eltern in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt, gesellschaftliche Integration verbessert, Gesundheitsbewusstsein gefördert, Handlungsfähigkeit erweitert.

4.6 Vernetzung / Kooperationen

Das Familienzentrum ist in Vernetzungsgremien wie Mariannenplatzrunde vertreten. Zu allen relevanten Trägern und Einrichtungen im Kiez und darüber hinaus bestehen Kontakte und angebotsbezogene Kooperationsbeziehungen.

4.7 Unterstützung durch das Jugendamt

Das Konzept und die aktuellen Angebote werden mit dem Jugendamt (zuletzt im September 2006 mit der Sozialraumleitung und der Koordinatorin Frühförderung und Prävention) abgestimmt und durch dieses unterstützt.